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Release

Wie wir leben wollen Tocotronic

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Die Begründer der Hamburger Schule Tocotronic mit ihrem zehnten Album "Wie wir leben wollen" im Jubiläumsjahr der Band

„Wie wir leben wollen“ ist das zehnte Album im 20. Jahr der Rockgruppe Tocotronic.

Die Mitbegründer der Hamburger Schule – neben Bands wie Blumfeld oder Die Sterne – sind unter den Augen der Öffentlichkeit ergraut. Ihre Trainingsjacken und Cordhosen aus den Anfangstagen haben sie zusammen mit dem früher oftmals parolenhaften Politrock längst an den Nagel gehängt. Im Album-Opener „Im Keller“ singt Frontmann Dirk von Lowtzow jetzt: „Hey, ich bin jetzt alt. Hey, bald bin ich kalt. Im Keller wartet schon der Lohn.“ Und der Bewertungsautomatismus der Musikmagazine schreit hinterher: „Hey, da fürchten sich Musiker in ihren Vierzigern vor dem Tod und machen eine Platte daraus.“ Doch so einfach machen es Tocotronic ihren Zuhörern nicht.

Der Abgesang auf sich selbst ist lediglich Koketterie, denn auf diesem Album ist fast alles anders als sonst. Den warmen, hallenden und verwischten Klang dieser Platte liefert ein Tonbandgerät von 1958. Aufgenommen wurde in den Räumen des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof von Produzent Moses Schneider (Fehlfarben, Beatsteaks), der bereits die letzten drei Tocotronic-Alben produzierte. Gezeigt wird kein hochpolierter Pop, wie in Zeiten des weißen Albums „Tocotronic“ (2002). Ganz im Gegenteil wirkt der Monosound des Schlagzeugs geradezu antiquiert und bietet die unaufgeregte Fläche für die verschwurbelte Textarchitektur des Dirk von Lowtzow. Und die klingt inzwischen mehr nach einem losen Lebensprotokoll als nach zugespitzter Protestschrift. Immer wieder bleiben deshalb einzelne Textstellen wie, „Um mich soll’s nach Erdbeeren riechen“, „Sieh mich an, ich bin ein bleicher Mann der tanzt“ oder „Ich habe mehr als tausend Seiten, ich bin ein fließender Roman“, als Wegweiser im Klangraum stehen.

Über die siebzehn Songs hinweg wird daraus tatsächlich der im Titel angekündigte Lebensratgeber, der zum Glück aber ohne nennenswerten Kitsch auskommt. Die erste Single, „Auf dem Pfad der Dämmerung“, wurde bereits vor dem Albumstart von den Radiosendern gefühlt in Dauerschleife gespielt. Sicherlich werden Up-tempo-Nummern wie „Auf dem Grund des Swimmingpools“ oder das poetische „Abschaffen“ folgen und durch Zitate ins kollektive Gedächtnis übergehen. Fazit: Die Lieblinge der deutschen Musikmagazine sind zurück und erzählen die Geschichte des Älterwerdens mit großartiger Metaphorik. Lediglich reinzuhören fällt schwer, denn dieses Album nimmt gefangen.

Mathis Vogel | 28. Jan 2013
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