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Interview mit Kid Koala"Ich halte mich für einen der schlechtesten DJs der Welt!"

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Interview mit Kid Koala - "Ich halte mich für einen der schlechtesten DJs der Welt!"

Seine Alben sind hochkomplexe Kunstwerke – auf der Bühne feiert er mit Vorliebe kunterbunte Kindergeburtstage. Der Kanadier Eric San alias Kid Koala möchte auch als DJ die menschliche Seite hinter seinen Songs voll ausleben.

Alles beginnt mit einem Mann und drei Turntables, die er konstant bearbeitet. Der Mann heißt Eric San, lebt in Montreal, und ist seit etlichen Jahren unter dem Namen Kid Koala als DJ und Produzent aktiv. Er ist ein Turntablist, ein Künstler an den Plattentellern. Er spielt Tracks, scratcht, mischt Effekte darunter und schafft so ganz neue Songs. Im Publikum ist die Stimmung bereits hervorragend – und als auch noch Tänzerinnen dazu kommen, kennt die Begeisterung kein Halten mehr. Sie führen Varieté-Tänze auf, machen ein Puppenspiel, halten einen Limbo-Contest ab und schleudern Papierflieger ins Publikum. Und in diesem chaotischen Spektakel führt einer Regie: Kid Koala an seinen Turntables. Nach seinem Auftritt auf dem Roskilde Festival treffen wir ihn zum Gespräch, um zu klären, was sich gerade vor uns auf der Bühne abgespielt hat.

artistxite: Ursprünglich wollte ich mit Dir über Dein neues Album „12 bit Blues“ sprechen, aber nach Deiner Show gerade habe ich eher das Bedürfnis, darüber zu reden.

Kid Koala: (lacht) Nach dem Motto: „Was zur Hölle denkst du dir dabei?“

artistxite: In Etwa. Was ist da abgegangen?

Kid Koala: Einhundert Prozent menschliche Live-Energie. Ich will nichts vorbasteln und auf "Play" drücken, sondern alles im Moment stattfinden lassen. Ohne Netz und doppelten Boden. Darum ist auch Einiges schrecklich daneben gegangen. (lacht) Für „12 bit Blues“ habe ich an traditionelle Unterhaltungsformen gedacht. Puppen gibt es seit Jahrhunderten, Tänzerinnen auch – Turntables eher seit ein paar Jahrzehnten. Aber auch die würde ich "old school" nennen.

artistxite: Wenn ich Dein Konzert an zwei verschiedenen Abenden besuche, sehe ich dann jeweils eine komplett andere Show?

Kid Koala: Das kommt auf das Programm an. Bei „Space Cadet“ liegt das Publikum mit Kopfhörern auf dem Boden und ich spiele Klavier und scratche darüber. Wir wollen das Gefühl der Isolation vermitteln. So kann jeder eine sehr intime Erfahrung haben. Ich liebe es, das Format zu wechseln, weil ich mich sonst langweile. Ich liebe es als DJ aufzutreten. Das habe ich jahrelang gemacht und genieße es sehr. Aber da muss mehr im Leben sein. Also schmeiße ich mich selbst in abgefahrenes Neuland.

artistxite: Ist die Angst vor der Langeweile also eine Triebfeder Deiner Kreativität?

Kid Koala: Absolut! Niemand sollte es sich zu gemütlich machen. Sonst schaltest du auf Auto-Pilot. Wenn ich Auftritte sehe, kann ich dir sagen, ob die ihre Show nun schon seit sechs Monaten so durchziehen, denn du siehst, dass sie die selben Witze erzählen und alles glatt poliert ist. Ich fühle das. Ich brauche den Kitzel, immer Neues zu tun.

artistxite: Was ist also das übergeordnete Konzept Deiner Show?

Kid Koala: Eine Absicht ist die, es überraschend zu halten, eine andere ist es, den Turntables das Maximum zu entlocken – und eine dritte ist es, das Ganze nicht zu elitär werden zu lassen. Wenn ich drei Turntables beackere, ist das hoch technisch. Das wollen die Leute sehen, die sich dafür interessieren. Für alle anderen gibt es etwas anzuschauen, das ihnen gefällt und bei dem sie genauso mitgehen können. Ich habe diesen DJ-Kern im Publikum, aber es muss offen bleiben. Wenn du Kid Koala und seine Alben nicht kennst, kannst du trotzdem kommen und findest etwas, das dich fesselt.

artistxite: Sind die Shows also ein Weg, Deine komplexen Alben für mehr Leute zu öffnen?

Kid Koala: Auf jeden Fall. Aber es gibt da einen weiteren Aspekt: Wenn jemand über eine DJ Show schreibt, heißt es immer nur „Er hat diesen Song gespielt und jenen reingemischt“ – und dann werden die Bands aufgezählt. Das gehört dazu. Kuratieren heißt, seine Lieblinssongs zu spielen, das Zeug laut zu hören, auf das du Bock hast, und den Leuten die B-Seiten schmackhaft zu machen. Aber das Scratchen gibt dem ganzen eine andere Dimension. Man kreiert neue Melodien, neue Sounds und Songs. Einige Tracks, die ich heute gespielt habe, existieren so gar nicht. Ich habe einzelne Sounds zusammengeschustert und so eigene Songs kreiert.

artistxite: Im Endeffekt vereinst Du also alle Elemente?

Kid Koala: Ich versuche die Balance zu halten, nicht nur fremde oder eigene Hits zu spielen. Turntables bieten immer eine musikalische Reichweite. Du kannst alles spielen und ich halte diese Reichweite immer groß. Mein Leben ist dynamisch, also sollen es auch meine Shows sein. Ich bin nicht immer glücklich. Manchmal bin ich mies drauf, manchmal wütend. Aber immer scratche ich. (lacht) Wenn ich wütend nach Hause komme, scratche ich über Slayer, wenn ich traurig bin über Boards of Canada und wenn ich glücklich bin über Louis Armstrong. Als DJ kannst du für jede Stimmung Songs spielen und ich möchte untermalen, dass man verschiedene Stimmungen haben kann.

artistxite: Wenn ich auf Deinem Konzert also fiesen Rock höre, weiß ich, dass Du schlecht drauf bist?

Kid Koala: (lacht) Genau! Aber nicht um andere schlecht drauf zu bringen. Wenn du ins Kino gehst, willst du manchmal Verfolgungsjagden und Explosionen sehen. Manchmal willst du Etwas fürs Herz haben. Nur weil du DJ bist, heißt das nicht, dass du immun gegen solche Schwankungen bist. DJs haben Familienmitglieder die sterben. Und direkt nach der Beerdigung spielst du ein Trance Set, um damit klar zu kommen? Was musst du für ein Mensch sein? Mir liegt die Vermenschlichung der Turntables am Herzen. Das klingt echt gekünstelt und hochgestochen. Aber als Musiker musst du nicht nur Musik für den Dancefloor machen. Es gibt auch andere Emotionen und Bedürfnisse.

artistxite: Aber ist das für DJs nicht trotzdem enorm schwierig?

Kid Koala: Ich bin gelernter DJ, aber halte mich für einen der schlechtesten DJs der Welt. Einfach weil ich die wichtigsten DJ-Regeln ignoriere. Für mich geht es darum, die eigene Persönlichkeit einzubringen. Wenn es nur darum geht, den Dancefloor unablässig in Ekstase zu halten, geht mir das sonstwo vorbei. Ehrlich, dann schalte ich den Kram aus. Du kannst nicht immer mit Vollgas fahren, irgendwann schießt du übers Ziel hinaus. Und dann solltest du spätestens ins Grübeln kommen.

artistxite: Woher kommen Deine Ideen für eine Show?

Kid Koala: Ich denke über die technisch einfachsten Varianten der Unterhaltung nach und bringe meinen eigenen Dreh rein. Es steckt immer eine Geschichte dahinter. In meinem Kopf gibt es eine Logik, aber man muss diese verschiedenen Stufen der Abstraktion durchlaufen, damit alle die Musik verstehen  – oder viel mehr die Idee und Geschichte der Tracks. Wir entwicklen die Show permanent weiter. Wir erhöhen den Einsatz, das Zeug wird größer.

artistxite: Also sind die Mädels aus Deiner Show auch an der Entwicklung beteiligt?

Kid Koala: Ich spiele ihnen die Musik vor und rede über das Konzept des Songs und dann überlegen wir, wie wir das ins Rollen bringen. Der Grund, warum sie bei der Tour dabei sind, ist dass die Songs auf „12 bit Blues“ einfach viel zu langsam sind, um sie zu performen. Aber mein Label Ninja Tune wollte, dass ich sie live performe. Also haben wir überlegt, wie wir es für das Publikum optisch ansprechend gestalten. Es ist Blues, also lass uns eine moderne Varieté-Show machen, die ja aus dieser Zeit stammt. Wir bewahren die Idee und die Mädels entwickeln dazu eigene Tanzbewegungen. Sie sind brilliant. Das Ganze ist perfekt.

artistxite: Sind die ganzen Requisiten eigens angefertigt?

Kid Koala: Meine Frau und unsere Freundin Louisa haben die Puppen und alles andere selbst gemacht. Sie sind Set-Designer. Und heute Vormittag im Hotel haben wir alle Papierflieger gefaltet. Für mich ist es, als würde ich eine Party schmeißen. Und auch Erwachsene können von Zeit zu Zeit mal eine gute alte Party vertragen, die einfach eine kindliche Energie hat.

artistxite: Wie ein Kindergeburtstag?

Kid Koala: So in der Art. Heut’ ist dein Geburtstag – das wusstest du nicht? Aber in meinem Kopf ist es so und ich habe eine riesige Party für dich organisiert.

artistxite: Ist da ein Unterschied zwischen dem Kid Koala, der im Studio arbeitet, und dem, der auf der Bühne steht?

Kid Koala: Ich kenne Leute, die im Studio hocken und sagen: „Wir bringen den Club zum kochen!“. Und ich entgegne: „Aber ihr seid nicht in einem Club!“. Für mich ist die Studiozeit sehr introspektiv. Es ist ganz normal, dass die Musik, so lustig und albern sie auch sein mag, immer noch etwas Persönliches hat. Es geht darum zu experimentieren, um eine Geschichte zu erzählen. Und bei mir verdrängt die Geschichte immer den Musikstil. Bei „Space Cadet“ gibt es keine Drums. Es ist Klavier und Turntables, Geigen und Holzbläser – sehr filmische Musik , was an der Story in dem Buch liegt, das ich vorher gezeichnet hatte. Es geht um Isolation, Winter, Tod, Familie. Also habe ich versucht, diese Geschichte zu untermalen.

artistxite: Ist das Zeichnen für Dich ein zusätzlicher Weg, Dich künstlerisch auszudrücken?

Kid Koala: Total! Noch mal: Es geht um Geschichten. An diesem Buch habe ich acht Jahre gearbeitet. So lang habe ich für kein einziges Album gebraucht. Als ich es fertig machte, passierten eine Menge krasser Ding in meinem Leben: In einem Jahr verloren wir zahlreiche Familienmitglieder und meine Tochter wurde geboren. Das ordnet alles neu. Also habe ich plötzlich gespürt, dass es einen Grund gibt, das Buch fertigzustellen. Um diese Gefühle und Gedanken, diese Ängste als frisch gebackene Eltern, in deine Kunst einzubauen. Es ist eine sehr persönliche Geschichte, direkt aus dem echten Leben.

artistxite: Arbeitest Du bereits an neuen Projekten?

Kid Koala: Da ist Einiges in Arbeit. Ein Album ist fertig, und zwar mit dem Hip Hop Projekt Deltron 3030. Es kommt diesen Herbst. Wir haben ein paar Shows gespielt und im Herbst geht es weiter. Es ist mit dem Rapper Del the funky Homosapien und dem Produzenten Dan the Automator. Das nächste Album, an dem ich arbeite, ist mit The Slew, einem Rockprojekt, das ich vor ein paar Jahren gestartet habe. Das sind zwei DJs, sechs Turntables und die Rhythmussektion von Wolfmother. Wir haben die erste Single namens „100%“ nur als zwei DJs gemacht. Auf Tour waren die Wolfmother-Jungs dabei und es war so lustig, dass wir beschlossen haben, zu viert ein Album zu machen. Und dann arbeite ich noch an einem Buch. Es geht um ein Moskito, das Jazz spielt. Und ich mache Musik mit der Preservation Hall Jazz Band, einer bedeutenden Jazz Band aus New Orleans. Ich bin ein großer Fan dieser Musik. Louis Armstrong und der Jazz aus New Orleans sind eine Art von Musik, an der ich bis heute scheitere, sie zu verstehen. (lacht) Das wird also sehr spannend. Und das war es auch soweit.

artistxite: Ändert sich Deine Rolle, wenn Du mit anderen Musikern abeitest?

Kid Koala: Ja, vollkommen. Manchmal bist du Teil des Kollektivs, manchmal im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ich muss den Druck nicht immer haben, im Mittelpunkt zu stehen. Daher mache ich gern Filmmusik. Der Regisseur hat eine Vision und ich helfe nur, sie umzusetzen. Ich habe Musik für „Der große Gatsby“ gemacht, auch für den Regisseur Edgar Wright und „Looper“ von Rian Johnson. Es war großartig, sagen zu können: Es ist ihr Ding, daran arbeiten sie seit Ewigkeiten, und sie brauchen einfach nur Musik für diese eine Szene. Man muss nicht immer steuern, sondern einfach mal mitwirken. Einfach sagen, dass man helfen kann. Denn jeder braucht ab und zu den Einfluss von Außen. Ich versuche meine eigenen Sachen und Kollaborationen auszubalancieren. So mag ich es.




Hier findet Ihr unseren Roskilde Festival Bericht:
Teil 1 / Teil 2 / Bilderstrecke

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