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Greenville NachberichtUnter der Sonne Brandenburgs

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Greenville Nachbericht - Unter der Sonne Brandenburgs © artistxite

Am heißesten Wochenende des Jahres feiert das Greenville Festival seine zweite Auflage und erfreut mit einem bunten Stilmix, der in den Shows von Atari Teenage Riot, Nick Cave und dem Wu-Tang Clan gipfelt.

Was für eine Willenskraft! Als Nick Cave and the Bad Seeds die Bühne betreten, scheinen sie mit aller Macht gegen die kaum zur Musik passende Sommerschwüle anspielen zu wollen. Cave wirkt wie ein gegen das Leben und den Tod wütender Prediger, läuft rastlos die gesamte Bühnenfläche ab und schleudert seine dünne Beine in die Luft, dass einem angst und bange wird. Schon das zweite Stück „Jubilee Street“ mutet wie ein Konzertfinale an – die Bad Seeds spielen mit solch einem Druck, dass der sich aufbauende Sturm als logische Kulisse daherkommt. Violinist Warren Ellis geigt sich währenddessen Richtung Teufel – und die genialische Verdichtung des Song-Endes gibt uns das Gefühl, der musikalische Höhepunkt des Konzertes sei schon erreicht. Gut eine Stunde vor dem Ende. Der mittlerweile 57-jährige Cave sucht immer wieder die Nähe des Publikums und schreit dem einen oder anderen mit vollster Inbrust seine düsteren Lyrics ins Gesicht. Der „Wheeping Song“ wird Ex-Bad-Seeds-Mitglied und Einstürzende-Neubauten-Sänger-Blixa Bargeld gewidmet, „Mercy Seat“ sorgt für den lautesten Publikumschor und das brachiale Soundgewitter bei der Mörderhymne „Stagger Lee“ entfaltet seine einnehmende Dynamik bis hin zur letzten Publikumsreihe.



So düster, wie Cave das Festival abschließt, so kunterbunt war es zuvor: Das Greenville im brandenburgischen Paaren am Glien, 16 Kilometer von der Berliner Stadtgrenze entfernt, hat am heißesten Wochende des Jahres Bands jegliche Stilrichtungen abgefeiert. Laut Veranstalter kamen geschätzte 20 000 Besucher zu der zweiten Auflage des Festivals im MAFZ-Erlebnispark, in dem normalerweise Damm- und Muffelwild gehalten wird und sich eine Schaukäserei und eine Streuobstwiese finden.

Doch von dieser Beschaulichkeit war von vergangenen Freitag bis Sonntag kaum etwas zu spüren. Auch der zweite Headliner spielte kräftig dagegen an: Samstagabend versammelte sich nach über zehn Jahren Abstinenz endlich wieder der legendäre Wu-Tang Clan auf einer deutschen Bühne. Method Man, GZA, RZA, Ghostface Killa, Raekwon, Inspectah Deck, Cappadonna und U-God hatten zwar mit einigen Tonproblemen zu kämpfen – doch davon ließ sich die Begeisterung im Publikum nicht dämpfen. Method Man gab die Entertainer-Frontsau, tänzelte am vorderen Bühnenrand herum, schmiss sich ins Publikum und verlangte von diesem lautstark äußerste Hingabe: „The Image you give to us, we give to you!“. Auf RZAs Frage „Who is the bigest hip hop crew of all time“ ertönte ein lautstarkes „Wu Tang! Wu Tang“ über das Festivalgelände und tausende Hände formte das Wu Tang-W und wippten mit ausgestreckten Armen zu den Songs aus der 20-jährigen Bandkarriere.

So viele stilistische Brüche wie im Line-Up des Greenvilles gibt es auf kaum einem anderen deutschen Festival. Von Reggae über Ravepunk bis Hip Hop und Hardcore ist alles dabei. Auf einen können sich jedoch alle einigen: Thees Uhlmann. In Lederjacke (bei brüllender Hitze, aber da muss er durch) und mit Mundharmonika betritt er die Bühne und fegt mit einer solchen Inbrunst durch sein Set, dass es nur Laune machen kann. Zwischendurch erzählt er ausschweifende Geschichten, wie nur er es kann. Am Ende des Sets entdeckt Thees einen Zuschauer im AC/DC-Shirt und ist so begeistert, dass er ihm ein Ständchen singt und ein Bier anreicht. Und mit einem pathetischen Lobgesang auf den Rock'n'Roll verschwindet er schließlich von der Bühne.

Kurioser Höhepunkt des ersten Abends sind die Bloodhound Gang. Und die Amerikaner bieten alles auf, was man von ihnen erwartet: spätpubertäre Späße, zahlreiche Hits, frühpubertäre Späße, Entkleidungen, Jägermeister und ein Programm, das musikalisch nichts anbrennen lässt. Die Bloodhoung Gang weiß dermaßen zu überzeugen, dass man sich kurz fragt, ob die Jahrtausendwende eigentlich wirklich stattgefunden hat. Allerdings bekommt man Gewissheit, als Bassist Evil Jared erzählt, es sei das erste Konzert, bei dem seine kleine Tochter anwesend sein darf. Die Bloodhound Gang ist also ein bisschen erwachsen geworden.

Von einem ganz anderen Schlag ist die Band, die derweil in der Greenville Halle auftritt. Atari Teenage Riot laden zum donnernden Totalabriss. Politische Botschaften und ein amtliches Soundgewitter gehen bei wenigen so geschmeidig Hand in Hand. Die Massen sind sichtlich elektrifiziert und stehen der Band in nichts nach. Alec Empire und seine Band sind auch nach 20 Jahren noch ein beeindruckendes Live-Erlebnis.

Die legendäre New Yorker Emo-Core-Band Texas is the reason spielte in der gleißenden Sonne eines ihrer letzten Konzerte ihrer Bandgeschichte. Drum waren viele Zuschauer nur deswegen angereist und feierten ihr Helden ausgiebig. Reggae-Künstler Gentleman, der seine Wohnsitze in Kingston und Köln hat, bot definitiv das passendste Set zu den hochsommerlichen Temperaturen, welche die gesamten drei Festivaltage prägten. Und während Gentleman seine Chart-Hits wie „Superior“, „Serenity“ oder „It no pretty“ performte, tanzten viele barfuß unter Rasensprengern und wähnten sich eher in Jamaika denn in Brandenburg. Ein Gastauftritt der Reggae-Legende Richie Stephens veredelte dieses Konzert mit einer Coverversion des unvermeidlichen Klassikers „No woman no cry“ von Bob Marley.



Nach einem ungewöhnlich stadionrockigen Auftritt der walisischen Band Joy Formidable, die besonders mit ihrem Hit „Whirring“ bezauberte, kam es zu dem Konzert mit der größten Instrumentenvielfalt: Die norwegische Formation Katzenjammer, ausgerüstet mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Ukulele, Geige, Keyboard, Mundharmonika, Glockenspiel, Akkordeon, Trompete, mimte die gesamte Spielzeit über munteres Instrumente-Zirkeltraining, sprich: Bei jedem Song nahm eine der Band-Frauen ein anderes Instrument zur Hand. Sängerin Anne Marit Bergheim, unter deren hautengen Kleid sich deutlich ein Schwangerschaftsbauch abzeichnete, schüttelte zwischendurch freimütig ihre Brüste Richtung Publikum, rief gut gelaunt – auf ihren Zustand anspielend - „So I had Sex“ und begeisterte mit der größten Spielfreude der eh überaus gut gelaunten Band. Mit einer Reise durch Folk und Country, Gypsy und Balkan, Walzer und Polka euphorisierten Katzenjammer die tanzfreudige Menge und überraschten mit einem mitreißenden Cover von Genesis „Land of Confusion“. Sonntag verbreitete die Schweizerin Sophie Hunger mit einer virtuosen Band gepflegte Melancholie gegen schweißtreibende Rekordtemperaturen.
Zur Abkühlung lud die Band Efterklang zur musikalischen Reise nach Piramida, einer verlassenen russischen Bergarbeitersiedlung auf Spitsbergen. Dorthin reisten die Dänen zur Aufnahme ihres neuen Albums und brachten kühle Klänge voll klarer Schönheit mit, die sie daheim zu Songs machten und nun live präsentieren. Der große Gänsehautmoment ihres Sets bleibt jedoch der Song "Modern Drift" – Musik, wie sie schöner kaum klingen kann. Herzig wurde es dann, als Sänger Casper Clausen eine Box herumreichte, die Fans beim Burning Eagle Festival in Reutlingen mit kleinen Geschenken wie Sonnenbrillen oder Feuerzeugen befüllt hatten. Man solle sich etwas nehmen und etwas Neues hineinpacken. Ach, Efterklang!

Tocotronics Dirk von Lotzow war ebenfalls spendabel und verteilte zunächst Komplimente („Ihr seht eigentlich richtig super aus! Nein, Ihr seid schön!“), um später, als Einleitung zu „Aber Hier Leben,Nein Danke“ zu skandieren: „Möge jedes gottverdammte Nazikaff in dieser Gegend erzittern!“ Mit dem 1996er Song „Ich möchte irgendwas für dich sein“ und der Hymne „Freiburg“ gegen die südlichste Großstadt Deutschlands erfreuten sie mit selten gespielten Hits in einem insgesamt sehr direkten Rockset. Der belgische Mädchenchor Scala unter der Leitung der Kolacny Brothers interpretierte Rammstein mit „Engel“, Radiohead mit „Creep“ oder Coldplay mit „Viva La Vida“ neu. Ein Songset, so vielfältig wie das Festival selbst.

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